Warum Tieftemperaturprüfungen?
Viele Werkstoffe verhalten sich bei Raumtemperatur gutmütig — und versagen bei Kälte spröde und plötzlich. Bekanntes Beispiel: Der Stahl der Titanic, der in −2 °C kaltem Atlantikwasser auf den Eisberg prallte und praktisch keine Energie absorbierte. Moderne Normen schreiben deshalb vor, dass sicherheitsrelevante Bauteile bei der Prüftemperatur mindestens der niedrigsten Betriebstemperatur des späteren Einsatzortes standhalten müssen.
Anwendungsfelder, die Tieftemperaturprüfungen erfordern:
LNG-Tanks, arktische Pipelines, Offshore-Plattformen in Nordmeer oder Alaska. bis −165 °C (LNG)
Reaktoren, Druckbehälter und Rohrleitungssysteme für kryogene Medien. bis −196 °C (LN₂)
Treibstofftanks, Ventile und Strukturbauteile für den Einsatz bei Tieftemperatur. bis −269 °C (LHe)
Schweißverbindungen, Kran- und Brückenbauteile in Kältezonen. bis −60 °C
| Temperaturbereich | Bezeichnung | Typische Kühlmedien | Prüf-Norm (Auswahl) |
|---|---|---|---|
| 0 °C … −40 °C | Tiefkälte | Kältebäder, Kältemaschine, Tiefkühlschränke und -truhen | ISO 148-1, ISO 6892-1 |
| −40 °C … −100 °C | Tiefstkälte | ULT Freezer, Trockeneis/Ethanol, CO₂ | ISO 148-1, EN 10045 |
| −100 °C … −196 °C | Kryogen (LN₂) | Flüssigstickstoff | ASTM E23, ISO 6892-3 |
| unter −196 °C | Kryogen (LH₂/LHe) | Flüssigwasserstoff, -helium | ASTM E1450 |
Zugversuch bei Tieftemperatur
Tieftemperatur-Zugversuch
Der Zugversuch bei tiefen Temperaturen liefert Kennwerte wie Streckgrenze Rp0,2, Zugfestigkeit Rm, Bruchdehnung A und Brucheinschnürung Z unter kryogenen Bedingungen. Die Probengeometrie richtet sich nach DIN 50125 (Rundproben Typ B/D oder Flachproben). Entscheidend ist die Probenvorbereitung: Die Probe muss gleichmäßig auf Prüftemperatur abgekühlt und bis zum Bruch auf dieser Temperatur gehalten werden.
Konditionierung: Für Temperaturen bis −80 °C werden Ultratiefkühlgeräte (ULT Freezer) oder Flüssigthermostate (z.B. Silikon- oder Ethanol-Kältebäder) eingesetzt. Unterhalb −80 °C kommt ausschließlich Stickstoff in Frage. Haltezeit typisch 10–30 min nach Erreichen der Solltemperatur.
Kerbschlagbiegeversuch (Charpy)
Kerbschlagbiegeversuch (Charpy)
Der Charpy-Versuch ist die wichtigste Methode zur Bestimmung der Zähigkeitseigenschaften von Stählen bei tiefen Temperaturen. Ein gekerbter Probestab (10 × 10 × 55 mm) wird nach Konditionierung auf Prüftemperatur durch ein Pendel schlagartig gebrochen. Die absorbierte Schlagarbeit KV₂ (in Joule) ist das Maß für die Zähigkeit.
Besonders kritisch: Der Übergang vom zähen zum spröden Bruchverhalten — die sogenannte Steilabfall-Temperatur (DBTT, Ductile-Brittle Transition Temperature). Normen wie EN 10225 für Offshore-Stähle schreiben Mindestwerte von 27 J oder 40 J bei −40 °C bis −60 °C vor. Die Proben müssen innerhalb von 5 Sekunden (ISO 148-1) aus der Kälte entnommen und gebrochen werden.
ISO 148-1 erlaubt maximal 5 Sekunden zwischen Entnahme aus dem Kältebad und dem Auslösen des Pendelschlags. Wird die Zeit überschritten, erwärmt sich die Probe merklich — besonders bei dünnen Stäben — und das Ergebnis ist ungültig. In der Praxis wird daher ein spezieller Transfer-Greifer eingesetzt, der die Probe kontrolliert hält.
Weitere Prüfverfahren bei Tieftemperatur
Biegeversuch an Schweißverbindungen
Schweißverbindungen von LNG-Tanks oder kryogenen Rohrleitungen werden bei Tieftemperatur auf Biegefähigkeit geprüft. Eine Flachprobe aus der Schweißnahtzone wird um einen definierten Dorn gebogen — die Naht darf dabei keine Risse zeigen. Der Versuch prüft gleichzeitig Schweißgut, Wärmeeinflusszone und Grundwerkstoff.
Bruchmechanische Prüfung (KIc, J-Integral)
Für sicherheitskritische Bauteile reicht der Charpy-Test alleine nicht aus. Die Bruchmechanikprüfung bestimmt den Bruchzähigkeitswert KIc oder das J-Integral — Kennwerte für die Berechnung zulässiger Rissgrößen. Bei tiefen Temperaturen steigt die Sprödbruchanfälligkeit, weshalb diese Versuche für Druckbehälter nach AD-Regelwerk oder ASME obligatorisch sind.
Härteprüfung bei Tieftemperatur
Bei vielen Metallen und Legierungen steigt die Härte mit sinkender Temperatur — während manche Kunststoffe und Elastomere glasartig werden. Tieftemperatur-Härtemessungen (Vickers, Rockwell) liefern Daten für die Modellierung des Werkstoffverhaltens und die Auslegung von Verbindungselementen in kryogenen Anlagen.
Ermüdungsversuch (Wöhler) bei Tieftemperatur
Kryogene Anlagen durchlaufen regelmäßige Druck- und Temperaturwechsel (thermisches Cycling). Ermüdungsversuche bei tiefen Temperaturen bestimmen die Lebensdauer von Bauteilen unter zyklischer Belastung. Besonders relevant für LNG-Pumpen, Ventile und Wärmetauscher. Bei Stählen kann Kälte die Ermüdungsfestigkeit erhöhen — bei austenitischen Stählen bleibt sie üblicherweise konstant.
Relaxations- und Kriechversuche (Schrauben / Dichtungen)
Schraubenverbindungen an Flanschsystemen kryogener Leitungen müssen über Jahrzehnte dicht bleiben. Relaxationsversuche messen, wie stark eine Vorspannkraft bei tiefer Temperatur abfällt. Ebenso werden Dichtelemente (Metallbalgventile, PTFE-Dichtungen) auf Kriechverhalten getestet — Tieftemperatur kann Kriechprozesse verlangsamen, aber auch zu Sprödigkeit und Dichtverlust führen.
Tieftemperatur-Korrosionstests
Arktische Pipelines sind nicht nur Kälte, sondern auch salzhaltiger Feuchtigkeit und CO₂/H₂S-haltigen Medien ausgesetzt. Kombinierte Tieftemperatur-Korrosionsversuche prüfen Spannungsrisskorrosion (SCC) und Wasserstoffversprödung unter realistischen Bedingungen. Die Proben werden in temperierten Autoklaven oder Kältebädern mit dem korrosiven Medium beaufschlagt.
Tiefzieh- und Umformbarkeitsversuche
Für austenitische Edelstähle (z.B. 1.4306, 1.4301) in kryogenen Behältern sind Umformversuche bei tiefen Temperaturen relevant — insbesondere die Bestimmung der r-Werte und Umformgrenzkurven. Tieftemperatur begünstigt bei metastabilen Austeniten die Martensitbildung, was Umformbarkeit und Magnetisierung beeinflusst.
Scherversuch an Schweißpunkten
Widerstandspunktgeschweißte und lasergeschweißte Verbindungen in kryogenen Strukturen (z.B. Flüssiggas-Tankcontainer, LNG-Fahrzeuge) werden durch Scherversuche bei Tieftemperatur geprüft. Das Versagen darf nicht durch Sprödbruch im Schweißlinsenbereich erfolgen. Relevant auch für die Auslegung von Schienenfahrzeugen im arktischen Einsatz.
Kühlmedien und Kühltechnik für Prüflabore
Die Wahl des Kühlmediums hängt von der Zieltemperatur und den Sicherheitsanforderungen ab. In industriellen Prüflabors kommen diese Systeme zum Einsatz:
Kältethermostate / Kältebäder
Für Temperaturen bis ca. −80 °C. Verwendung von Silikonöl, Ethanol oder Kältebadflüssigkeiten. Präzise Temperaturregelung (±0,5 °C), ideal für Charpy-Konditionierung.
Trockeneis / CO₂
Einfache, mobile Lösung für −78,5 °C (CO₂-Sublimationspunkt). Häufig als Trockeneis/Ethanol-Mischung für definierte Zwischentemperaturen eingesetzt.
Flüssigstickstoff (LN₂)
Standardmedium für kryogene Prüfungen bis −196 °C. In Dewargefäßen oder Stickstoff-Lagersystemen bereitgehalten. Sicherheitshinweis: Erstickungsgefahr durch N₂-Ausgasung in geschlossenen Räumen.
(Ultra-)tiefkühlschränke / Klimakammern
Für Langzeitversuche und Ermüdungsprüfungen. Halten Proben im Prüfzustand über Stunden oder Tage konstant auf Temperatur.
LN₂ verdampft zu gasförmigem Stickstoff mit 700-fachem Volumen. In schlecht belüfteten Räumen besteht akute Erstickungsgefahr. Pflicht sind: kontinuierliche O₂-Überwachung im Labor, PSA (Kälteschutzhandschuhe, Gesichtsschutz), geprüfte Dewargefäße und Sicherheitsventile.
Geltende Vorschrift: DGUV Regel 100-500, TRGS 513.
Geräte für die Probenvorbereitung
Industrielle Prüflabore benötigen zuverlässige Kältetechnik zur Konditionierung der Proben. Je nach Prüfverfahren und Temperaturbereich eignen sich unterschiedliche Gerätetypen:
| Geräteklasse | Typischer Bereich | Einsatz bei folgenden Prüfungen |
|---|---|---|
| Labortiefkühlschrank ULT | −40 °C … −86 °C | Charpy-Konditionierung, Zugproben |
| Kältebad / Kältethermostat | 0 °C … −80 °C | Charpy, Biegeversuche, Zugproben |
| Trockeneis-Kältebad | −60 °C … −78 °C | Charpy, Zugproben, Ermüdung |
| Flüssigstickstoff-Dewargefäß | bis −196 °C | Zugversuch, Bruchmechanik, Charpy |
| Temperaturschrankkammer | −70 °C … −150 °C | Ermüdung, Kriech-, Relaxationsversuche |
Fazit
Tieftemperaturprüfungen sind in der Industrie kein Nischenthema, sondern sicherheitsrelevante Pflichtprüfungen überall dort, wo Werkstoffe bei tiefen Temperaturen eingesetzt werden. Vom klassischen Charpy-Versuch nach ISO 148-1 bis zum kryogenen Zugversuch nach ISO 6892-3 oder bruchmechanischen Messungen nach ASTM E1820 reicht das Methodenspektrum weit. Allen Verfahren gemeinsam ist die Anforderung an die zuverlässige und reproduzierbare Kühltechnik — ob Kältebad, ULT-Freezer oder Flüssigstickstoffsystem.
Die Auswahl des richtigen Kühlgeräts hängt von der Zieltemperatur, den Probenabmessungen, der Chargenfrequenz im Labor und den Sicherheitsanforderungen ab. Gerne beraten wir Sie bei der Auswahl des passenden Geräts für Ihr Prüflabor.
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